Frauen und Extremismus

Wenn es um die Rolle der Frau im Extremismus geht, wird im Allgemeinen angenommen, dass extremistische und insbesondere gewaltbereite Gruppierungen von Männern dominiert werden und Frauen in diesen Netzwerken lediglich eine Nebenrolle spielen.

Das stimmt nur bedingt. Im Rechtsextremismus zum Beispiel ist der Anteil an Mädchen und Frauen zwar geringer als der Anteil Männer und Jungen. Rechtsextreme Positionen hingegen vertreten Mädchen und Frauen teilweise sogar in stärkerem Ausmass als Männer und Jungen1. Zudem leisten sie strukturelle Unterstützung, indem sie andere Frauen anwerben und der extremistischen Bewegung ein vermeintlich friedfertiges Antlitz geben2.  Auch im Linksextremismus spielen Frauen eine wichtige Rolle. Im islamistischen Extremismus agieren Frauen und Mädchen sowohl als Multiplikatorinnen, Sittenwächterinnen und Wissensvermittlerinnen als auch als Anwerberinnen3.

Radikalisierungsmotive von Mädchen und Frauen
Bei weiblichen Mitgliedern spielen Beziehungen eine zentrale Funktion für den Einstieg in eine extremistische Gruppierung. Freundschaften unter jungen Frauen, welche schon vor der Radikalisierung bestanden oder sich nach der Hinwendung zu einer extremistischen Gruppierung bilden, sind ein wichtiges Motiv. Die emotionale Beziehung zu anderen «Schwestern», welche intensiv kultiviert wird, schafft eine starke Bindung an das betreffende extremistische Netzwerk.

Junge Frauen können auf diese Weise frühere emotionale Defizite kompensieren: Ein Teil von ihnen empfand sich vor der Radikalisierung als nutzlos und wenig wertgeschätzt4. Auch Verschwörungsmythen und Bedrohungsszenarien extremistischer Ideologien sind ein wichtiger Pushfaktor für diese Frauen. Sie geben ihnen das Gefühl, etwas Bedeutendes aus ihrem Leben zu machen, wenn sie gegen diese Bedrohungen kämpfen. Einige junge Frauen zeigen ein eindeutiges Interesse an Geopolitik und sozialen Bewegungen sowie eine starke Motivation, die Welt zu verändern. Ihr Entschluss, sich einer extremistischen Gruppierung anzuschliessen, ist Ausdruck von Rebellion und Abenteuergeist5.

Anderen jungen Frauen ermöglicht die Radikalisierung einen klaren Bruch mit ihrer Vergangenheit – insbesondere, wenn sie traumatische Erfahrungen wie zum Beispiel sexuellen Missbrauch erlebt haben. Für gewisse Mädchen und junge Frauen wiederum war die Möglichkeit, ohne elterliche Einwilligung zu heiraten und sexuelle Beziehungen einzugehen ein Motiv, sich dem dschihadistischen Extremismus anzuschliessen und in den Islamischen Staat auszureisen. Bei älteren Frauen wie auch bei jungen Konvertitinnen war die Religiosität treibende Kraft dafür, ins Kalifat, verstanden als puristisches Glaubenskonstrukt, auszuwandern6. Erfahrungen mit Diskriminierung – infolge Verhüllung und damit als sichtbare Minderheit -, die einen Groll auf die westliche Welt erzeugt haben, waren ebenfalls ausschlaggebend7.

Auch bei rechtsextremen Frauen zeigen sich problematische biographische Merkmale, Traumatisierungen und destruktive Elternbeziehungen8. Ihre rechtsextrem orientierten Haltungen und Aktivitäten sind oft ganz eng mit ihrer Familien- und Lebensgeschichte verbunden.

Eine junge, christlich erzogene Frau sucht Zuflucht in einem Mädchenhaus. Sie berichtet von massiven Konflikten mit ihrer alleinerziehenden Mutter, welche ihre Konversion zum Islam nicht akzeptieren kann und sie vor die Tür gestellt hat. Die junge Frau trägt einen Tschador, betet fünf Mal am Tag, liest viel im Koran und lernt Arabisch. Im Mädchenhaus ist es schwierig, sie in die Gruppe einzubeziehen. Es kommt beispielsweise zu Konflikten mit den anderen Mädchen, wenn diese Musik hören möchten: Die junge Frau, die früher selbst Klavier gespielt hat, lehnt Musik als Haram, d. h. als nach islamischem Glauben verboten, ab. Sie hat das Gymnasium abgebrochen, weil sie sich dort als Muslimin diskriminiert fühlt, und beklagt sich darüber, dass Frauen ohne Körperverhüllung nur als Sexobjekt betrachtet werden. Ihre Mutter fühlt sich ohnmächtig gegenüber dem Wandel ihrer Tochter und befürchtet eine zunehmende Entfremdung, wenn nicht gar Radikalisierung. Die Sozialpädagoginnen stossen in den Gesprächen mit der jungen Frau an ihre Grenzen, da sie stark religiös argumentiert und es schwierig ist, das Gespräch auf eine andere Ebene zu bringen. Sie anerkennen zwar ihr Bedürfnis nach Abgrenzung und die Suche nach einem eigenen Weg. Sie sehen aber auch die Schwierigkeiten bezüglich ihrer weiteren beruflichen Entwicklung und des Aufbaus von Peerbeziehungen. Hier orten die Sozialpädagoginnen ein Radikalisierungsrisiko: Die junge Frau könnte über ihre online-Kontakte zu strenggläubigen Musliminnen tiefer in dieses Milieu und an «falsche Personen» geraten. Sie nehmen deshalb Kontakt auf mit der muslimischen Frauengruppe einer nahegelegenen Moschee. Zusammen mit der jungen Frau vereinbaren sie, dass diese religiös begleitet wird und an den sozialen Aktivitäten der Gemeinde teilnehmen kann. Das funktioniert gut: Die junge Frau nimmt die Begleitung an und kann ihre Religiosität ohne Radikalisierungsrisiko leben. Weil sie die Kosten übernehmen soll, widersetzt sich die Mutter dieser Massnahme allerdings, so dass die Begleitung nach ein paar Monaten abgebrochen wird.

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Hinweis:
Die Fallbeispiele illustrieren die jeweilige Thematik und die damit verbundenen Herausforderungen. Sie enthalten jedoch nicht unbedingt Empfehlungen dazu, welche Massnahmen in den dargestellten Radikalisierungsfällen ergriffen werden sollten. Diese gilt es von Fall zu Fall sorgfältig abzuwägen und zu beschliessen. Einige Beispiele präsentieren aber Präventionsmassnahmen, welche sich in vergleichbaren Situationen als wirksam herausstellen können.

Das Rollenbild ist ebenfalls von grosser Bedeutung für die Extremismusaffinität von Frauen: Insbesondere in rechtsextremistischen und dschihadistischen Gruppierungen herrschen ein toxisches Verständnis von Maskulinität und ein stark traditionelles, antifeministisches Rollenverständnis. Trotzdem gelingt es diesen extremistischen Gruppierungen, junge Frauen für ihre Ziele zu begeistern: Die klare Rollentrennung gibt ihnen Orientierung und Halt.

Bei rechtsextremistischen und dschihadistischen Gruppierungen läuft das Anwerben meist über Frauen. Diese rekrutieren potenzielle Anhängerinnen geschickt, indem sie ihre Kommunikationsstrategien und Narrative gezielt auf die Bedürfnisse und Vorlieben dieser Zielgruppe ausrichten9.

Bei der Ausstiegsarbeit mit Frauen gilt es, wie bei den Männern auch, geschlechtsspezifische Hinwendungs- und Radikalisierungsgründe zu berücksichtigen und geschlechtsspezifische Ansätze zu wählen. In verschiedenen Ausstiegsprogrammen hat sich gezeigt, dass Frauen mitunter schwerer von extremistischen Haltungen abzubringen sind als Männer. So kommt es vor, dass Ehefrauen den Ausstieg ihrer - an sich ausstiegswilligen - Ehemänner unterlaufen und sie von der Distanzierung abhalten. Dann nämlich, wenn sie deren Abwendung von Gewalt und extremistischen Einstellungen als Schwäche auslegen10.

Diese Ausführungen machen deutlich, dass die Ausprägung extremistischer Überzeugungen bei Frauen nicht unterschätzt werden darf. Und sie zeigen, dass es geschlechtsspezifischer Ansätze bedarf, um ihrer Radikalisierung entgegenzuwirken.